Montag, 7. August 2017

Ich bin genug - Warum ich gut bin, wie ich bin



Bikini + Figur = Bikinifigur oder, was interessiert es das Meer, wie du aussiehst
Ich trage dieses Bild schon eine Weile mit mir herum und überlege, wie ich rüber bringen kann, was ich sagen möchte.

Wisst ihr, was mir an diesem Bild nicht gefällt?
Der Hintergrund und das wirkliche hässliche Handtuch. Ansonsten liebe ich dieses Foto. Und nein, ich bin nicht blind. Ich sehe die Bauchfalten und die bleiche Haut. Aber seht ihr mein Lächeln? Denn in genau diesem Moment habe ich mich einfach nur wohl gefühlt. Die Sonne wärmte meine Haut und ich war an einem tollen Strand mit tollen Leuten.
Wir werden in allen Formen und Farben geliefert und mit den unterschiedlichsten Päckchen, die wir zu tragen haben, aber wir sind irgendwie alle perfekt in unserer Unperfektheit.

Was mich dazu bewegt, diesen Post endlich zu veröffentlichen, ist ein Gespräch, dass ich auf einer Feier mit einer Mutter und ihrer knapp 10-jährigen Töchter hatte.
Es gab viel zu essen und natürlich auch einiges an Kuchen. Das Mädchen sprang aber die ganze Zeit herum, bewegte sich viel und ist Fußball-Fan, der permanent im Garten in Bewegung ist; also kein Pummelchen.
Als ich mir genüsslich etwas von dem leckeren Erdbeer-Tiramisu schmecken ließ, kam sie zu mir und sagte: "Ich würde ja auch gerne noch ein Stück Kuchen esse, aber dann werde ich nur dick." Ich stutze und sagte, wenn sie noch Hunger habe, solle sie doch gerne noch etwas essen.
Dann lernte ich die Mutter kennen, die sich darüber ausließ, dass sie ja nur noch 3 mal die Woche ins Fitness Studio käme und was sie doch für einen Schwabbelbauch habe. Da kam die Tochter, drückte auf ihren Bauch und sagte: "Ich mag deinen Schwabbelbauch."
Ich musste gehen, sonst hätte ich mich mit der Mutter angelegt. Dadurch, dass sie ihre vermeintlichen Figurprobleme permament vor ihrer Tochter zur Sprache bringt, hat sie einer 10-jährigen bereits ein krasses Bild ihres Körpers beigebracht und noch etwas schlimmeres: Bodyshaming. Das hat mich traurig und wütend gemacht, denn dieses Mädchen wird niemals ein normales Körpergefühl haben, weil die Mutter ihre Probleme an sie weiterreicht. Und das traurige ist, die Mutter war total schlank, eine Topfigur nach 3 Kindern, die sich mancher wünschen würde.
Ein Kind sollte sich darüber wenig bis gar keine Gedanken machen. Die Aufgabe der Eltern ist es doch, dem Kind genug Bewegung und gesunde Ernährung zu verschaffen. Solange das da ist, sollte ein Kind spielen und herumtollen. Dann ist alles gut und ein Stück Kuchen ist auch mal bei einer Feier ok. Sich oder seine Mama bereits mit anderen zu vergleichen, ist echt traurig.


Als ich Anfang des Jahres angefangen habe, mehr Sport zu treiben, war die meist gestellte Frage, die danach, wie viel Gewicht ich verlieren wolle. Klar, jemand wie ich kann ja nur aus einem einzigen Grund Sport treiben. Irgendwann wäre ich den Leuten gerne ins Gesicht gesprungen, denn das ist nicht meine wichtigste Absicht dahinter.
Klar, ein bisschen weniger Gewicht wünschen wir uns alle, aber soll ich euch etwas sagen? Ich habe neulich Fotos von mir gesehen von vor 10, 15 Jahren. Da hatte ich noch 30 Kilo weniger und sah wirklich toll aus. Aber ich habe mich genauso gefühlt wie heute. Ich war da nicht glücklicher, nein, ich habe mich ständig mit allen anderen verglichen und fühlte mich in einem Bikini sogar sehr viel unwohler als heute. Klar ist es etwas schwieriger, wirklich tolle Klamotten zu finden. Aber ist das meine Aufgabe oder die der Modeindustrie? Denn wir weiblichen Frauen sind viele, sehr viele.

Mein Anreiz wieder fit, stark und gesund zu werden, war ein völlig anderer. Im Winter hatte ich so etwas wie einen rheumatischen Anfall, weil ich trotz dicker Erkältung immer weiter zur Arbeit gegangen war. Erst taten meine Füße weh (was sie dank Sichelfüßen fast immer tun); aber dann könnte ich nicht einmal mehr stehen vor Schmerzen und alle Gelenke gaben auf. Hätte man mir Morphine angeboten, ich hätte sie genommen. Diese Episode hat mir sehr viel Kraft geraubt und anscheinen auch sehr viel Muskelmasse. Denn als ich zum Jahresende mit einem mir sehr sehr wichtigen kleinen Mann in einem Klettergarten war, gab ich eine ziemlich klägliche Figur ab. Mir fehlte einfach die Kraft, um auch nur eine Übung zu absolvieren. Meine Füße zitterten, meine Beine und Arme waren nicht stark genug, um mich nur auf die andere Seite der Plattform zu bringen. Das war unglaublich frustrierend.

Für ihn will ich stark sein und für mich selbst. Ich will einem Bus hinterherlaufen können oder Treppen steigen, ohne einen Asthmaanfall zu bekommen. Ich will die eiserne Müdigkeit von mir abschütteln, die mich meistens gefangen hält, sobald ich nach Hause komme.
Ich will mich stärken gegen die Unbill des Alltags.
Stark und gesund sein bedeutet nicht immer gleich dünn sein. Grenzen auszutesten und auszuweiten ist mir viel wichtiger.
Und gerade erst am Wochenende habe ich nach einem halben Jahr die 3km Marke geknackt. Es gab Rückschläge. Nicht immer habe ich wirklich Lust auf Sport, aber ich schaffe es doch immer wieder, mich zu motivieren.
Dabei haben mir andere Mädels geholfen, die sind wie ich. Auf Facebook, Instagram etc gibt es genug Vorbilder, die realer sind als Bikinimodels. Mann muss sich nur die richtigen Vorbilder suchen und aufhören sich zu vergleichen.
Ich bin genug. Es reicht, wenn ich jedes Mal ein bisschen mehr schaffe, ein bisschen weiter kommen, als das Mal davor. Es darum, wie man sich fühlt, dann ist man auch schön.
Und irgendwann schaffe ich dann hoffentlich auch den Klettergarten und kann wieder eine coole große Schwester sein.

Was auch hilft, um sich wesentlich wohler zu fühlen? Ich halte mich von Läden, die Klamotten nur bis Größe L verkaufen fern. Ich will Kleidung, die für meinen Körper gemacht wurde und mich nicht in etwas zwängen, dass gar nicht passt. Und so habe ich auch zu meinem ganz eigenen Stil gefunden, der individueller ist, als das, was von den Kleiderstangen schwedischer Modemarken kommt und die glauben, ab XL dürfe man nur noch Zelte tragen. Solche Läden tragen nämlich bewusst dazu bei, dass wir uns mies fühlen. Wir denken, wir sind ungenügend für die Modewelt.
Nein, andersherum. Die Modewelt stellt ungenügende Mode her. Sie vergisst einen riesen Kundenstamm einfach.