Samstag, 6. Mai 2017

Schäfchen zählen auf Hallig Hooge


Halligen kannte ich bisher nur aus den Nachrichten, wenn sie mal wieder unter Wasser standen und neuerdings auch aus der Baumarktwerbung, aber sonst waren Sie für mich eher etwas abstraktes.

Nun ergab sich neulich einmal die Möglichkeit, sich die größte von Ihnen, Hallig Hooge, von Nahem zu betrachten, denn wir machten uns mit 24 Erwachsenen und 5 Kinder auf, um ein paar nette Tage dort zu verbringen.
Zuerst muss man nach Schlüttsiel, denn zu den Halligen kommt man nur mit der Fähre. Die Auto ließen wir dort und enterten die Fähre. Die Fahrt dauert knapp eine Stunde und es floss schon kräftig der Rum Grog. Irgendwie muss man sich ja warm halten.

Nachdem wir alle Erwachsenen und Kinder wieder versammelt hatten, wanderten wir zu der Warft, die für die nächsten Tage unser Zuhause sein sollte. In unserem Falle war das die Backenswarft, wo wir uns in einer Jugendherberge eingemietet hatten. Ein Tipp: Niemals die Herbergsmutter verärgern, was leider sehr leicht ist.
Beachtet peinlich genau die Mülltrennung, denn die Müllabfuhr hier ist sehr streng und für die Hooger sehr teuer. Wie es scheint, haben bei uns die Kinder, die alle noch nicht lesen konnten, da mal etwas verwechselt.
Und fragt vielleicht vorher nach, ob es warmes Wasser gibt. Ich habe nämlich drei Tage aufs Duschen verzichtet, nachdem ich frierend und bibbernd unter der eiskalten Dusche stand. Manche meinen vielleicht, ich solle mich nicht so anstellen, aber wenn man total durchgefroren ist und kalt duschen soll, das geht einfach nicht. Ich hatte für den Rest des Tages schlechte Laune und umarmte fast den Holzofen.

Hallig Hooge ist wirklich spannend. Es wie eine große Insel, aber mit vielen kleinen darauf. Da Hooge nämlich mehrmals im Jahr landunter ist, haben sich die Bewohner vor vielen tausend Jahren schon die sogenannten Warften gebaut. Erdhügel, auf denen Sie ihre Häuser errichten und die vor den meisten Hochwasser so ganz gut geschützt sind.  Auf jeder Warft stehen mehrere Häuser inklusive Ställen für das Vieh und es gibt auf jeder Warft, je nach Größe, mindestens einen Süßwasserteich. Damit kann das Vieh getränkt werden, falls das Wasser kommt. Denn Salzwasser können weder Menschen, noch Tiere trinken.
Man muss sich auf alle Fälle gut mit seinen Nachbarn verstehen, denn beim nächsten Hochwasser ist man wieder aufeinander angewiesen. Den Nachbarn verklagen, des Deutschen liebstes Hobby, ist hier unmöglich.
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Da Hooge ein Touristenmagnet ist, gibt es auf jeder Warft auch mindestens eine Kneipe. Auf der Hanswarft gibt es sogar noch mehr. Und ein Inselkino, in dem man einen tollen Film von den Hoogern für die Touristen sehen kann.
Dort gibt es auch den wohl kleinsten Edeka Markt überhaupt. Wir zogen jeden Morgen mit dem Bollerwagen los, um für die ganze Meute das Frühstück einzukaufen. Und manchmal mussten ein paar nachmittags nochmal los fürs Abendessen.
Hier läuft der gesamte Klatsch der Hallig zusammen, was wirklich schnell geht. Einer von uns war am ersten Abend auf der Nachtwanderung vom Sommerdeich gefallen und musste von den Sanis der Insel versorgt werden. Das wusste am nächsten Morgen schon der Kaufmann und alle, die noch da waren. Er konnte es aber auch kaum verheimlichen, denn seine Hose und seine Jacke glitzerten noch immer von dem Einhornschnaps, der leider mit ihm den Deich runtergedonnert war. Die verpflasterten Hände taten dann ihr übriges, um das Schmunzeln auf die Gesichter zu zaubern.


Mein Lieblingsort war die Kirchwarft, die die wohl schönste evangelische Pfarrei Deutschlands sein dürfte. Einen friedlicheren Ort habe ich noch sehr selten gefunden.
Das Pfarrhaus ist größer als die Kirche, die an sich schon wie ein sicherer Hafen in Zeiten der Not wirkt. Aber ich kann mir auch sehr romantische Hochzeiten und Taufen hier vorstellen.  Sie ist umgeben vom Inselfriedhof und wie man sich vorstellen kann, findet man hier immer wieder die selben Familiennamen. Insgesamt leben wohl 4 Große Familien auf der Insel und dazu kommen noch ein paar kleinere. So blieb es wohl in alten Zeiten nicht aus, dass eine Frau bei der Heirat den Familiennamen nicht wechselte, da er der gleiche war.  Auf frisches Blut ist man hier also dringend angewiesen. Zum Glück verirren sich genügend Touristen hier her.

Wir hatten absolutes Glück mit dem Wetter und somit hatten wir einen unglaublichen Weitblick über die Insel und trotz des eisigen Windes, konnten wir ziemlich viel machen. Also... vor allem... Laufen.
Denn außer Inselkino, Kaffee Trinken und Wattwandern, kann man hier sonst auch noch Vögel beobachten und Schafe zählen.
Wer hierher kommt, sollte es also mögen, dass man hier komplett aus der Zeit fällt und ziemlich auf sich selbst zurückgeworfen wird. Packt auf jeden Fall mindestens ein Buch ein.
Wobei, trotz der wenigen Bewohner, scheint es eine hohe Dichte an Autoren hier zu geben. Beim Kaufmann sah ich ein tolles Buch über die Halligen und die Geschichten ihrer Bewohner. Und als ich wieder zu Hause war, wurde mich das Buch "Barfuß übern Sommerdeich" angeboten. Die Autorin lebt wohl auch auf Hooge. Vielleicht ist die Abgeschiedenheit gerade das richtige, um in Ruhe schreiben zu können. Internet und Handynetz sind ja relativ rar und somit auch die Ablenkungen.


Trotzdem ist mir nicht entgangen, dass das Leben auf den Halligen auch ein ziemlich hartes und entbehrungsreiches ist. Als unser Freund vom Deich plumpste, war der Krankenwagen zwar unglaublich schnell da und mit ihm auch die Feuerwehr, aber dazu muss man etwas wichtiges Wissen: Auf Hooge selbst gibt es keinen Arzt, nur 4 Sanitäter, die abwechselnd zu zweit Dienst tun. Wenn etwas schwerwiegenderes ist, und sei es nur, dass unser Freund hätte genäht werden müssen, dann muss der Hubschrauber vom Festland kommen. Idiotischerweise zahlt die Krankenkasse diesen, aber nicht die medizinische Versorgung auf der Hallig. Diese erhält ein Verein aufrecht. Er musste also seine Tetanusspritze direkt in bar bezahlen. Das macht mich schon traurig. Denn krank werden oder ein Kind kriegen sollte man hier nicht im Sturm. Dann kann auch der Heli nicht mehr kommen.


Es gibt auch eine Hallig Schule, aber wohl immer weniger Kinder. Aber wie muss das wohl sein, auf diesen wenigen Quadratkilometern aufzuwachsen? Will man dann später hier weg? Oder ist man auf ewig auf diesen paar Kilometern Sand und Schlick verwurzelt?
Die original Hooger sind auf jeden Fall ein ehrlicher Menschenschlag, der sehr hart im Nehmen ist. Und trotzdem unglaublich nett.
Als wir wieder auf der Fähre nach Hause waren, stand ich an Deck und bemerkte eine einsame Hallig mit nur einem Haus darauf. Wie einsam muss das dort sein. Denn dort legt nicht einmal die Fähre an. Wie ist das Leben dort wohl?