Freitag, 14. Juni 2013

Leselust - Mit Martin Walker ins Périgord


Eigentlich müsste dieser Post Leselust = Reiselust heißen, denn mit den fünf bereits übersetzten Büchern von Martin Walker kann man getrost ein bis zwei Wochen am Stück im Périgord verbringen mit der üblichen Urlaubserscheinung Gewichtszunahme. Walker weiß, wie man einem das Land schmackhaft macht und beim Lesen stellt sich gelegentlich Hunger nach Wein und französischen Spezialitäten ein.
Jeder neue Walker beginnt mit Bruno, Chef de Police des beschaulichen St. Denis, und dem Wochenmarkt. Danach entwickeln sich die Dinge meist wesentlich dramatischer und das ruhige Périgord wird nach und nach mit Leichen gepflastert. Allerdings spielt die Suche nach dem Mörder nur eine Nebenrolle, neben der Landschaft, der französischen Geschichte, dem Essen und dem Wein. Ein Gläschen Wein darf man sich beim Lesen gerne gönnen.
Walkers englische Lektorin warnte ihn bereits, so Walker bei der Lesung zum neuesten Teil Femme fatale, dass man seine Bücher in England bereits als Food-Porn bezeichnen würde und er solle doch bitte etwas weniger übers Essen schreiben. Da Walker aber weiß, was seinen Lesern gefällt, hat er sich zum Glück nicht an diesen Rat gehalten.
Und so lernen wir von Band zu Band mehr über den herrlichen Grand Cru, Trüffel, die auch schwarze Diamanten genannt werden und über noch viele andere französische Delikatessen.
Da Martin Walker aber von Hause aus auch Historiker und Journalist ist, habe ich durch das Lesen seiner Bücher unheimlich viel über die Französische Geschichte gelernt. Dass man den Büchern anmerkt, wie sehr er das Périgord und die Franzosen mag, kommt hinzu. Denn er beschreibt sie so, wie ich sie auch erlebt habe. Deshalb sind seine Bücher für mich immer kleine Ferien und ich lasse jedes andere Buch in der Hälfte liegen, sobald ein neuer Band erscheint. Um so mehr habe ich mich gefreut, dass Diogenes mir Band 4 und 5, also Delikatessen und Femme Fatale zur Rezension zur Verfügung gestellt hat. Da ich alle Bücher gelesen habe, werde ich alle in einem Aufwasch vorstellen:

Im ersten Teil Bruno, Chef de Police wird ein Veteran des Algerien Krieges brutal ermordet und Bruno muss seine Ortskenntnisse nutzen, um St. Denis und seine Einwohner nicht nur vor möglichen rassistischen Mördern, sondern auch vor der nationalen Polizeibehörde zu schützen. Für ihn stehen immer die Einwohner an erster Stelle und die Gerechtigkeit. Diese weicht allerdings manchmal sehr vom Rechtsempfinden des Paragraphenreiters Duroc ab, dem Vertreter der Police Nationale. In dem ruhigen Städtchen beginnt es zu brodeln und wie in Frankreich üblich, darf natürlich auch eine ordentliche Demonstration mit anschließender Prügelei nicht fehlen.
Hinzu kommt, dass ihn seine Kollegin aus Paris, Isabelle mehr als durcheinander bringt.

In Grand Cru  hat es Bruno mit einer Leiche im Weinfass zu tun und muss verhindern, dass ein amerikanischer Konzern die Weinberge der ganzen Gegend aufkauft. Außerdem trauert er noch immer Isabelle hinterher. Aber da ist auch Pamela, die "verrückte Engländerin", die eigentlich Schottin ist. Doch da kommt Isabelle zurück und wir erleben romantische Szenen auf einem typischen Kelterfest, wo man sich beim Traubentreten wieder näherkommt.
Außerdem lernen wir die Kommune in den Bergen um St. Denis kennen und etwas über Ziegenkäse, der ja hervorragend zum Wein passt.
Neben der tollen Handlung, kann man diesen Band auch erstklassig als Weinführer durch das Périgord verwenden, denn natürlich spielt er bei dem Thema an den exklusivsten Weinorten der Gegend.
Im dritten Teil ermittelt Bruno auf dem Trüffelmarkt des Nachbarortes, wo Schindluder mit den Schwarzen Diamanten getrieben wird. Auf dem eigenen Wochenmarkt werden die Standbesitzer von asiatischen Schlägern tyrannisiert. Als wäre das nicht schon genug, muss Bruno seinen alten Freund und Jagdgefährten auf furchtbare Weise ermodert im Wald finden. Die Fäden laufen natürlich am Ende in unerwarteter Weise zusammen.
Hier beschreibt er den bisher grausigsten Mord und hebt seine Reihe auf eine neue Stufe. Vorher hatte alles einen Miss Marple Stil, es wurde zwar gemordet, aber es hatte alles noch eine gewisse Beschaulichkeit. Hier aber lässt er die grausame Realität des Kolonialkrieges mit einfließen und lässt einem das Blut gefrieren.

In Teil vier, Delikatessen, hat sich Walker so richtig warm geschrieben und tischt nicht nur kulinarisch richtig
auf. Die Ruhe im beschaulichen St. Denis wird gestört, als Isabelle und ihr Ministerium den Ort für ein spanisch-französisches Gipfeltreffen aussucht. Außerdem findet ein Archäologe eine Leiche, die definitiv aus jüngerer Zeit stammt. Die örtliche Foie Gras Produktion wird von Tierschutzaktivisten bedroht und Bruno sieht sich zu allem Überfluss mit der ETA konfrontiert. Viel Zeit zum Genießen bleibt bei dieser Bombenstimmung nicht. Dabei hat Bruno doch gerade von Pamela und dem ganzen Ort ein Pferd geschenkt bekommen und würde die Zeit viel lieber für Ausritte nutzen, oder doch, um seine Liaison mit Isabelle wieder aufleben zu lassen? Am Ende müssen treue Leser sehr tapfer sein.
Der neuste Band Femme fatale ist der bisher beste Bruno-Roman und der erste, der nicht nach Essen klingt. Er hat eine kuriose Story und ist auf jeder einzelnen Seite verdammt spannend. Auf dem Fluss, der durch das Städtchen St. Denis fließt, schwimmt ein alter Kahn und darin eine nackte Frauenleiche mit einem schwarzen Pentagram auf dem Bauch. Hinzu kommen Anzeichen für eine schwarze Messe in einer nahen Tropfsteinhöhle. Sofort läuft der örtliche Pfarrer Amok und will öffentliche Exorzismen wieder einführen. Dazu kommt die geheimnisvolle Geschichte um die Mätresse von König Ludwig XIV, die ein Stammahnin, der Toten war.
Hinzu kommen Verbindung in die Kommunistischen Kreise von St. Denis. Und was hat das mit den merkwürdigen Vorgängen im neu eröffneten Landgasthof zu tun, vor dem sich des nachts große schwarze Limousinen mit ministerialen Kennzeichen versammeln?
Außerdem muss Bruno noch den Betrug um ein geplantes Ferienressort an seinem schönen Fluss verhindern. Eine weitere hübsche Frau kommt ebenfalls ins Spiel.

Ich würde die Romane nicht als Page Turner bezeichnen, denn ich möchte am liebsten nicht umblättern, damit die Geschichte länger anhält. Ich versuche dann immer möglichst langsam zu lesen, mir jedes Wort wie einen guten Wein auf der Zunge zergehen zu lassen. Und diesmal war ich doch sehr traurig, als es zu Ende war, denn nun muss ich wieder ein Jahr warten. Natürlich könnte ich mir den neuen Roman schon auf Englisch kaufen, aber die Bücher gehen bei uns ja durch die Familienhände und dann könnte ich sie nicht weitergeben.
Wir diskutieren auch schon heftig, wer Bruno in der Verfilmung spielen könnte und wann endlich das Bruno Kochbuch herauskommt.
Ab Band vier liegen den Büchern übrigens tolle kleine Reiseführer bei, in denen Walker uns sein Périgord noch näher bringt und Tipps zu Hotels, Restaurants und Ausflugszielen gibt.

So, wie ich zu einem signierten Exemplar von Femme fatale kam, erzähle ich euch beim nächsten Mal, sonst wird das hier ein Roman.