Montag, 21. Januar 2013

Writer's Slotmachine - Geschichte #2

Diesmal fiel es mir gar nicht so leicht, aus den vier Angaben 1960, Trabbi, Mantel und Roman einen Post zu machen. Deshalb kommt der Post auch mit einem Tag Verspätung.
Schließlich ist eines klar: Ich kann hier keinen 200-Seiten-Roman innerhalb einer Woche veröffentlichen. Also entschied ich mich, euch hier einen Romananfang zu servieren. Sollte euch der gefallen, gibt es dann bei Gelegenheit eventuell mehr.

Ich habe dem Ganzen noch keinen Namen gegeben.

Also dann:
Es regnete in Strömen und der Dezemberhimmel hing tief über Berlin. Helena zog den Gürtel ihres Regenmantels enger und schlug die Aufschläge nach oben. Sie saß nun schon seit einer halben Stunde in ihrem Wagen und Wartete. Ob er wohl kommen würde?
Sie hatten am Tag zuvor das erste Mal seit 20 Jahren telefoniert. Seine Stimme hatte fremd geklungen, so als käme sie von tausend Kilometern weit her und nicht von der anderen Seite der Stadt, irgendwie eisig, wie der sibirische Winter.  Als es klingelte stand sie noch im Bad und trocknete sich die Haare. Schrill hallte es durch den Flur, als Vera in aus dem kleinen Bad stürzte, das Handtuch noch in der Hand. "Vera Welaski." "Vera? Bist du es? Hier spricht Gunter", die Stimme erschien ihr seltsam bekannt. "Gunter Wer? Ich kenne keinen Gunter." Mit einem Zipfel des Handtuchs versuchte sie das Wasser aus dem Ohr zu bekommen, um besser zu hören. Der Anrufer, schien irritiert, "Gunter Arndt. Wir waren mal verlobt!" Der Schreck war ihr durch alle Glieder gefahren. Vera setzte sich erst mal auf das Bänkchen neben dem Telefon. Nervös drehte sie die Telefonschnur zwischen den Fingern. "Vera sag doch was!" "Was willst du?!", schnauzte sie in den Hörer. Er hatte sie damals verraten, dessen war sie sich sicher. Wegen ihm, war ihre Schwester an der Grenze verhaftet worden und hatte mit Sicherheit eine grausame Zeit in Hoheneck verbracht. Dort war sie nach 2 Jahren Haft gestorben.
Vera hatte es gerade noch geschafft, weil Liesl ihr einen Schubs gegeben hatte und zurück geblieben war. Sie hatte nie wieder etwas von ihr gehört.
Gunter riss sie aus ihren Gedanken: "Ich möchte dich sehen. Ich komme nach Westberlin. Geht ja nu. Ich muss dir was sagen."
Vera wurde wütend. Was bildete der sich ein? Über Informanten und alte Freunde hatte sie kurz nach der Öffnung der Mauer vor ein paar Monaten herausgefunden, dass er seit 1960, also von Anfang an, am Aufbau der Stasi beteiligt gewesen war. Er hatte immer ein Doppelleben geführt. Vera hatte bereits einen Antrag auf Einsicht ihrer Akte bei der Gauckbehörde gestellt.
"Was willst du mir sagen, dass nicht auch am Telefon geht?", fauchte sie in den Hörer.
"Ich muss...ich will...ach...das kann ich einfach nicht am Telefon sagen. Du bist doch Journalistin. Es muss vertraulich sein."
Nun war ihre Neugier geweckt. Einen ehemaligen Stasifunktionär in die Pfanne hauen zu können, würde ihr bei ihrer Zeitung bestimmt Punkte bringen. Die Chefredakteure im Westen konnten gerade im Moment nicht genug von solchen Stories bekommen. Also verabredete sie sich mit ihm am Checkpoint Charlie. Sie wollte nicht, dass er zu ihr kam und nach Ostberlin zu fahren, brachte sie noch nicht über sich.
Und hier saß sie nun, im Dunkeln, im Regen in der Kälte in ihrem Kadett und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Fast glaubte sie nicht mehr daran, dass er überhaupt noch kommen würde. Da sah sie die typischen runden Augen eines Trabbis auf sich zukommen. Typisch, er hatte natürlich einen bekommen. Wahrscheinlich hatte er auch nicht warten müssen.
Das kackbraune Gefährt blieb neben ihrem Wagen stehen und Gunter schaltete die Scheinwerfer aus und kurbelte die Fensterscheibe herunter. Vera drückte die Zigarette aus und griff in ihre Manteltasche, um das Diktiergerät einzuschalten.

Die neue Aufgabe sollte folgende Dinge enthalten: eine Tätigkeit, einen Song, eine Stadt und ein literarisches Genre.
Und denkt bitte daran: Diese Rubrik lebt, solange ihr mitmacht. Ich freue mich schon auf eure Kommentare.