Dienstag, 29. Januar 2013

Sind Pippi Langstrumpf und die kleine Hexe Rassisten?

Ich muss zunächst Familienministerin Schröder und der durch sie losgetreten Rassismusdebatte im Kinderbuch danken, denn dank ihr habe ich meine Exemplare der Klassiker wieder in die Hand genommen.  Beim Öffnen der Bücher schlug mir zunächst dieser herrliche alte Büchergeruch entgegen, dann kamen die Erinnerungen an Vorlesestunden mit den Eltern und Großeltern in mir wieder hoch.
 
Ich erinnere mich, wie ich damals über Begriffe wie "Neger", "Mohr" oder "wichsen" stolperte, aber auch daran, dass mir erklärt wurde, woher sie stammen und was sie bedeuten. Denn schon in den 80er Jahren waren diese Texte ja schon aus der Zeit gefallen und entsprachen längst nicht mehr meiner Lebenswirklichkeit. Und genau das machte auch ihren Charme aus.
Aber sie sensibilisierten mich für die Geschichtlichkeit von Literatur und für die Macht des Wortes. Und ich lernte, dass es da draußen in der Welt nicht nur nette Menschen gibt.  Ich hatte den Luxus, den viele Kinder heute nicht mehr haben: Eltern, die sich mit mir zusammen mit den Texten auseinandersetzten und die sich dafür interessierten, was ich las und dass ich damit klar komme.
Liebe Eltern, ihr könnt eure Kinder nicht an silbernen Ketten am Handgelenk mit euch herumführen und sie vor jeder Gefahr und Verletzung, körperlicher oder seelischer Art schützen. Nicht absolut. wie eine solche Welt aussähe, kann man in "Das Museum der Diebe" von Lian Tanner nachlesen.  Irgendwann kommen Kinder unweigerlich mit Diskriminierung in Berührung und nicht nur mit Rassismus, sondern auch mit Sexismus und das schneller als den meisten lieb ist, in Kindergarten und Schule. Ich habe rote Haare und wenn ihr euch das Cover der "Kleinen Hexe" betrachtet, stellt ihr fest, dass eines der ältesten Vorurteile immer noch greift: Hexen haben zu 90 Prozent rote Haare.
Wichtig ist für sie da zu sein und es ihnen zu erklären. Wir können nicht die Geschichte umschreiben, denn sie ist ja so geschehen. Es gab nun mal eine Zeit, in der Afrikaner "Neger" genannt wurden. Das können wir nicht ändern und es ist wichtig, dass die Kinder lernen, warum wir dies heute nicht mehr tun, damit das politische und humanistische Bewusstsein in ihnen wächst. Schließlich zeigt es acuh, dass wir uns weiter entwickelt haben. Nur so werden sie wach für die Ungerechtigkeit in der Welt und laufen nicht blind in Ideologien, weil sie es nicht besser wissen. Nicht-Wissen birgt diese Gefahr.
Es ist nicht die Aufgabe der Verlage seit Jahrzehnten erscheinende Bücher zu bereinigen und ein Feigenblatt des Schweigens über die Geschichte zu decken. Pippi Langstrumpf wurde von der "Negerprinzessin" zur "Südseeprinzessin", denn Astrid Lindgren konnte sich nicht mehr dagegen wehren und ihre Erben wollten keinen Ärger und Tantiemen. Weshalb Ottfried Preußler bei der Geschichtsfälschung mitmacht ist mir schleierhaft. Bücher sind auch immer Spiegelbilder der Zeit, in der sie entstanden sind. Ein Blick in "Pippi Langstrumpf" von 1987 zeigt, dass Rolf Rettich, der Illustrator entweder schon eine Sichtweise hatte, wie die meisten Kinder: Denn die Bewohner des Taka-Tuka-Landes, Pippi, Annika und Thomas haben alle die gleiche Hautfarbe. Diese fällt nämlich beim Spielen und Spaßhaben nicht ins Gewicht. Oder er unterlag bereits dem vorauseilenden Gehorsam und traute sich nicht, diese Kinder mit den krausen schwarzen Haaren und den dicken Lippen auch noch dunkel zu malen.
Ich kann verstehen, dass sich die große Schar der Kinder mit Migrationshintergrund im ersten Moment verletzt fühlt, traurig und wütend ist, wenn sie so etwas liest. Aber hier möchte ich erst einmal gratulieren, denn sie lesen und die Trauer und Wut sind der erste Schritt zur Auseinandersetzung mit Literatur.
Ihr beginnt, das, was ihr lest zu hinterfragen und das ist gut so. Ich hoffe, eure Eltern und Lehrer helfen euch dann aber auch zu verstehen, weshalb das in diesen Jahrzehnte und Jahrhunderte alten Texten steht. Es ist auch ein wunderbarer Einstieg sich mit der kulturellen Vielfalt in der Welt auseinanderzusetzen.
Ich jedenfalls werde die alten Ausgaben für meine Kinder aufheben und ihnen später daraus vorlesen. Frau Schröder sollte sich überlegen, ob sie im Familienministerium oder im Wahrheitsministerium von Orwell arbeitet. Und vielleicht sollte sie andere Stellen viel genauer lesen, wenn sie sagt, sie würde ihre Kinder eher anlügen. Um es mit Pippis Worten zu sagen: "Lügen ist hässlich." Ich finde sie grenzenlos naiv und wir haben ein Wort für das, was die Verlage da machen: Zensur.