Donnerstag, 31. Januar 2013

Leselust - Der Dschungel in uns allen - Reality Show von Amélie Nothomb

Nachdem nun auf RTL der neue Dschungelkönig gekürt ist, und Matthias Mattusek und Marcus Lanz darüber debattieren, an welche Bücher und Theaterstücke sie das Schauspiel erinnert, fiel auch mir ein Buch wieder in die Hände: "Reality Show" von Amélie Nothomb.
Nachdem wir uns Menschen in Containern und Menschen im Dschungel ansehen durften, wird das Prinzip Reality TV auf die Spitze getrieben:
Ein Fernsehsender veranstaltet ein Konzentrationslager.  Die Wärter werden gecastet, die Gefangen werden in der Tat einfach von der Straße entführt. Nun müsste man meinen, dass die Bevölkerung aufschreien und eine solche Sendung boykottieren würde, aber die Quoten schießen in die Höhe. Doch als sie stagnieren, dürfen die Zuschauer darüber entscheiden, welcher Insasse als nächstes getötet wird.
Nothomb übersteigert hier das Prinzip dieser Shows, aber sie hält uns auch einen Spiegel vor. Wie weit ist der Zuschauer, der dafür anruft, welcher Insasse eines Camps Penis essen oder in ein Fass mit Kakerlaken steigen muss, davon entfernt auszuwählen, wem noch schlimmeres geschehen soll?
Das Buch ist nicht lang, nur 170 Seiten, aber wie in so vielen Büchern Nothombs ist der menschliche Abgrund bodenlos. Wie weit werden die Fernsehmacher noch gehen, nun, da sie ja auch noch durch eine Nominierung zum Grimmepreis Bestätigung erhalten? Und wie weit werden die Zuschauer noch mitgehen?
 
Amèlie Nothomb:
Reality Show
Diogenes Verlag
ISBN  978-3-257-23943-0
D 8,90€ / CH 12,90 SFr / A 9,20€