Mittwoch, 25. Mai 2011

Das Mittwochsbuch: Etwas für Anglisten und Krimifans

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Seitdem ich die Uni beendet habe, gilt bei mir die Regel, abwechselnd ein deutsches und ein englisches Buch zu lesen, um in der Materie zu bleiben und, weil sich meine Unterhaltungen auf Englisch momentan auf Sätze wie "Would you like to leave a message and your number?" beschränken.
Und als ich neulich in der Mittagspause so in der Buchhandlung stöberte, fiel mir The Sherlockian von Graham Moore in die Hände. Der Titel war schon vielversprechend, da ich ja als Anglistin gerade die Zeit um die Jahrhundertwende (also die 1900) sehr spannend finde und den sogenannten steam punk für mich entdeckt habe.
Eine beliebte Technik ist es, bekannte Persönlichkeiten in Büchern auftreten zu lassen, meist ganz am Rande, doch hier spielt niemand anderes als Arthur Conan Doyle die Hauptrolle, der sich seinen Sherlock doch sosehr hassend, dass er ihn mit Wonne die Reichbachfälle hinunter stürzt, dennoch auf die Suche nach einem Serienmörder macht. Dieser bringt junge Suffragetten um. Als Watson hat er sich seinen besten Freund Bram Stoker an die Seite geholt. Und so verfolgen wir, wie sich Arthur der so bewährten Methode der Deduktion bedient und widerwillen immer Tiefer in den Sumpf von Whitechapel gezogen wird.
Der zweite Teil des Buches, der sich immer mit dem Conan Doyle Plot abwechselt, dreht sich um den jungen Harold, der gerade erst jüngstes Mitglied der rennomierten Baker Street Irregulars geworden ist. Nach dem Mord des Sherlockians, der soeben verkündete, dass er Conan Doyles verlorenes Tagesbuch entdeckt hat. Macht sich Harold auf die Jagd nach dem Mörder und dem Tagebuch.
Während Harold sich in 2010 immer wieder in Sackgassen verheddert, erfahren wir, was 1900 geschehen ist und in eben jenem Tagebuch festgehalten wurde. Etwas, dass so schrecklich ist, dass ...
Moore verwebt beide Handlungsstränge dermaßen gut und bricht immer wieder an der spannensten Stelle ab für einen Zeitsprung, dass man gar nicht mehr aufhören kann, Seite für Seite zu verschlingen. 
Toll fand ich besonders, dass Moore Conan Doyle hier nicht glorifiziert hat, sondern ihn teilweise durchaus als Stinkstiefel darstellt mit sehr konservativen Moralvorstellungen, die besonders deutlich werden in Bezug auf die Suffragetten und in einem kleinen Dialog mit Stoker über den einsamen Tod des gemeinsamen Freundes Oscar Wilde. Beide hatten ihn fallen gelassen, als er wegen seiner Homosexualität ins Gefägnis kam. Stoker hat Schuldgefühle, aber Conan Doyle wollte mit jemandem, der dem dunklen Pfad gefolgt ist, einfach nichts mehr zu tun haben. Wie dunkel manche Pfade sein können wird er aber hier selbst noch lernen, als er ... Ups, beinahe verraten. Das müsst ihre selbst lesen. Ich sage nur, ein kleiner Moriati steckt doch in allen von uns.
Dieses Buch wird vor allem den Sherlock Holmes Fans Spaß machen und denen, die auf die Typische Quest-Literature stehen. Außerdem wird jedes Kapitel mit einem Zitat von Conan Doyle eingeleitet.
Am Ende erfährt man, dass einige Fakten des Buches Tatsachen entsprechen. So verschwand tatsächlich eines der Tagebücher von Conan Doyle und ein führender Sherlockian wurde in der Tat mit seinem eigenen Schnürsenkel ermordet, was Moore dazu anregte, beide Geschehnisse miteinander zu verschmelzen und ihm möglicherweise eine Mitgliedschaft bei den Irregulars einbringen könnte, die tatsächlich nur auf persönliche Einladung vergeben werden.