Dienstag, 4. August 2009

Ruhe und Schönheit unter Wasser

Wenn man nur drei Wochen in Kur ist, hat man nur so wenige Wochenenden um sich komplett aus der Klinik auszuklinken und mal einen Tag lang ganz woanders hinzufahren. Und das Angebot an der Nordsee ist wirklich groß. An meinem letzten Wochenende fuhr ich mit dem Zug nach Tönning, weil ich das Fahrrad schon abgegeben hatte und das Mädel an der Rezeption meinte, dass man da sowieso nicht mit dem Fahrrad hinkäme. Später stellte sich heraus, dass es nur knappe 25 km auf gerader Strecke sind. Hin wäre ich also locker gekommen. Aber die Nord-Ostsee-Bahn ist auch ein schönes Transportmittel. Besonders, weil der Schaffner da wahnsinnig nett war und mir nicht nur die Benutzung des Fahrkartenautomaten toll erklärt hat, sondern mir auch noch den Trick verriet wie ich auf der Strecke Geld sparen kann.
Tönning ist ein süßes kleines Städtchen am Eider-Sperrwerk, das ich noch von einer Klassenfahrt in der neunten Klasse her kannte. Berühmt ist es wohl vorwiegend für seinen hübschen Hafen. Leider war gerade mal wieder Ebbe, die man so nah am Meer auch in der Eider merkt und der Hafen war voller Boote, die auf matschigem Grund lagen. Aber ich war eigentlich nicht nur wegen des Hafens gekommen, denn ich wollte ins Multimar Wattforum, wo man sich über die Nordsee und das Watt informieren kann. Aber nicht nur das, hier gibt es auch riesige Aquarien, die einem die Flora und Fauna unter Wasser zeigen. Große Aquarien haben seit jeher eine besonders beruhigende Wirkung auf mich und somit war klar, dass ich hier problemlos einige Stunden würde totschlagen können.
Meine Erwartungen wurden sogar noch übertroffen. Neben dem Fußweg zum Wattforum graste eine große Schafsherde und die Schilder, die entlang der Weges aufgestellt waren, besagten, dass dies Exemplare waren, die auf der ganzen Welt vom Aussterben bedroht sind. Und bei genauerem Hinsehen konnte man auch die unterschiedlichen Rassen erkennen. Ich weiß jetzt auch, weshalb Leonie Swann die Tiere so toll fand, dass sie sie zu Protagonisten eines Krimis machte. Denn auch hier schien gerade eine Ermittlung im Gange zu sein, oder Schafe sind einfach nur wahnsinnig neugierig.
Das Gebäude sieht von außen recht klein aus, aber es hat es wirklich in sich. Auf mehreren Stockwerken, wird einem alles über das Leben im und rund ums Watt beigebracht. Alles ist sehr kindgerecht mit Filmen und Dingen, die man selbst ausprobieren kann gestaltet. Es gibt sogar einen Unterwasser-Streichelzoo, allerdings war ich nicht ganz so mutig wie die begeisterten Kleinen. Einen Krebs zu streicheln hätte ich mich nicht getraut.
Die vielen Aquarien fesselten mich völlig und besonders toll fand ich eines, das am Ende eines langen Ganges lag. Es ist so groß wie zwei Stockwerke und in einem Auditorium kann man einfach nur dasitzen und den Geräuschen der Tiefsee lauschen und sich von dem Treiben vor sich einlullen lassen. Okay, die Geräusche


kommen vom Band, aber die Illusion ist perfekt. Ich war ganz alleine und konnte in aller Ruhe den Fischen zusehen. Sogar ein Hai war dabei.
Das Wattforum hat aber noch mehr zu bieten, denn es verfügt über eine ganze Abteilung, die sich nur mit Walen und der Geschichte des Walfangs beschäftigt. Ich wusste gar nicht wie viele Arten es gibt und, dass sie alle so unterschiedlich klingen, denn in einer der vielen Themenkammern die vom Hauptraum abgehen, kann man sich Walgesänge anhören. Am tollsten finde ich noch immer die Belugawale, denn sie haben die variantenreichsten Gesänge, die von Klicklauten über menschnähnliche Stimmen bis zu etwas, das fies nach einem Furz klingt, reichen. Beeindruckend ist natürlich der Nachbau eines lebensechten Pottwals, der 1997 gestrandet ist. Man kann auf speziellen Liegen darunter liegen und sich durch Lautsprecher über das Leben der Wale und die Bemühungen um ihren Schutz erzählen lassen. So richtig grausam wurde es allerdings in der Themenkammer, in der es um den Walfang geht. Hier werden sogar kleine Originalfilme gezeigt, die einem das Grauen für diese wunderschönen Tiere erst so richtig vor Augen führen. Es werden auch einige Produkte gezeigt, die zum Beispiel in Japan aus Walen hergestellt werden und sorry, aber wer braucht Essstäbchen aus Walknochen oder muss Walfleisch aus der Konserve essen? Widerlich!
Inzwischen bin ich mir auch sicher, dass wir Menschen auf irgendeine Weise etwas mit dem vermehrten Stranden von ganzen Walschulen zu tun haben müssen. Es gibt dort nämlich so eine Wand an der man die verschiedenen Strandungen über hunderte von Jahren verfolgen kann und es werden immer mehr. Die Ursache hat noch keiner gefunden, aber es ist wohl so, dass bei den Pottwalen immer nur die Männchen die Orientierung verlieren und auf dem Strand auflaufen. Sage noch einmal jemand was über Frauen und ihren Orientierungssinn. Nach Stunden tauchte ich aus dem blau-grün wieder ans Tageslicht und war fast soweit bei Greenpeace einzusteigen.
Die ganze Zeit war das Wetter eigentlich ganz passabel gewesen, aber genau in dem Moment, als ich das wattforum verließ fing es an zu regnen, und wie. Ich flüchtete mich in das schönste Restaurant am Hafen, die Goodewind, weil man dort unter der Marquise trotz des Regens noch draußen sitzen konnte. Hunger hatte ich auch, aber die Speisekarte spregte doch mein kleines Budget. Ich glaube der Kellner, der sogleich heraneilte, war ein wenig enttäuscht als ich nur eine Krabbensuppe bestellte. Das war halt das günstigste. Ich lehnte mich entspannt zurück und sog diese schöne Athmosphäre und das Ambiente in mich ein. Hätte ich keine Jeans und T-Shirt getragen, sondern ein langes weißes Kleid und Hut, dann hätte die Kulisse auch aus einem Film über das neunzehnte Jahrhundert stammen können, und ich hätte eine feine Dame gespielt. Die tönninger Krabbensuppe war übrigens ein Traum. Leider habe ich vor dem Essen vergessen den Teller zu fotografieren, denn der war so liebevoll angerichtet, dass man sich fast nicht traute den Löffel in diese Farbenpracht zu tauchen, denn über die knallrote Suppe waren auch noch Blüten gestreut. Während ich so dasaß und genoß, es regnete zu mglück noch immer, so dass der Kellner mich schlecht vertreiben konnte, gesellte sich eine Katze zu mir. Anscheinend saß ich auf ihrem Platz, denn sie versuchte sogleich mir auf den Schoß zu springen. Nach einem kleinen Ringkampf begnügte sie sich aber dann mit der Bank neben meinem Stuhl. So saßen wir da und der Regen prasselte über uns auf die Marquise. Wenn man solche Momente doch in Dosen packen und immer mal wieder rausholen könnte. Die Goodewind ist aber nicht nur ein Restaurant, sondern auch ein Romantikhotel. Wer also mal ein romantisches Wochenende verleben möchte, ist dort genau richtig.